Einleitung

Wirklichkeit, was ist das eigentlich ?
Ist es ein Zustand, in dem sich das Jetzt befindet, also alles Lebende
und alles Tote mit einschliesst, das in diesem Universum existiert ?
Oder ist es das, was wir mit unseren unvollkommenen Sinnesorganen
wahrnehmen, und in unserem so hochentwickelten, als Gipfel der
Schöpfung gepriesenem, Gehirn verarbeiten, um es durch einen
zwanghaften Schwatztrieb an andere neugierige Menschen
weiterzugeben.
Muss man vielleicht also Trennungen vornehmen bei der
Beschreibung von Wirklichkeiten, nämlich geistige und körperliche ?
Dann könnte es ja so sein, dass andere Wirklichkeiten neben unserer
existieren, wir sie jedoch nicht erkennen können, genauso wenig wie
wir unsere eigenen ganz erfassen. Es heißt Tiere könnten vieles
wahrnehmen, das nicht durch Physik oder eine andere
Naturwissenschaft zu erklären ist, weigern wir uns vielleicht anderes
wahrzunehmen, leugnen wir dieses einfach ?
Und treten plötzlich Überschneidungen dieser Wirklichkeiten auf, so
zeigt sich der Mensch meist unfähig mit der neuen Situation
fertigzuwerden, scheint nicht mehr überlebensfähig zu sein.

 
Normalerweise würde kein Mensch an solch einem Tag drinnen sitzen
und arbeiten. Doch dieser Mann saß in seiner durchgeschwitzten
Kleidung und mit scheinbar rauchendem Kopf an einem billigen und
verkommenen Schreibtisch, abgewetzt durch schon so viele Ellbögen,
dass stellenweise die alte Lackierung bis auf das Holz weggerieben
war. Vor ihm stand eine alte, abgenutzte Reiseschreibmaschine, die
bei jedem der so seltenen Anschläge ein schauerliches Knarren von
sich gab. Er schien sich ernsthaft mit der schwierigen Arbeit des
Schreibens zu befassen, doch ein riesiger Berg an
zusammengeknüllten, mit nur wenigen Worten, beschriebenen Seiten
zeugten davon, dass die scheußliche Hitze von über dreißig Grad
dieses Unterfangen nicht gerade unterstützte.
Der Mann griff erneut zu der neben ihm stehenden Wasserkaraffe, um
sich das Glas zu füllen. Bilder wirbelten durch seinen Kopf, hell und
ohne Schatten. Er blickte nach draußen in die mit gleißender
Helligkeit am Himmel stehende Sonne. Irgendwie ließen sich die
Bilder nicht greifen und festhalten und damit zu Papier bringen, sie
glitten ihm wie Wasser zwischen den gedanklichen Fingern hindurch.
Die Landschaft, durch die Hitze der letzten Tage zu einem dürren
Gelb gefärbt, fing an sich vor seinen Augen zu drehen.
Übelkeit stieg in dumpfen Wellen von seinem Mager her auf, ein roter
Schleier bildetet sich vor seinen Augen und trübte die ebenfalls
gelblichen Bilder. Er schloss die Augen, wischte sich den Schweiß mit
seinem Handrücken von der Stirn, und hoffte, dass es ihm doch
endlich gelingen möge, die Bilder einzufangen, denn der
Abgabetermin an seinen Verlag war nicht mehr weit. Selbst durch
seine geschlossenen Augen hindurch, war die Sonne noch immer grell
und hinterließ Flecken auf der Netzhaut.

 
Geräusche rissen ihn aus seiner Selbstversunkenheit, so dass er, wenn
auch mit langsamer und träger Bewegung, die Augen öffnete. Schritte
im Treppenhaus schallten durch die geschlossene Tür zu ihm hin,
ergaben einen seltsamen Rhythmus, der monoton schien, ihn aber an
irgendetwas erinnerte. Er zählte die Schritte leise murmelnd mit und
kam zu dem Ergebnis, dass diese unbekannte Person inzwischen im
zweiten Stockwerk angekommen sein musste. Wahrscheinlich Besuch
für die dort wohnenden Nachbarn, von denen er in den Wochen, in
denen er nun hier wohnte, nie etwas gesehen hatte, ja sogar zweifelte,
ob sie überhaupt existierten.
Doch die Schritte fuhren fort in ihrem Rhythmus, Schuhe trafen
erneut aufTreppenstufen, die hoch in das dritte Stockwerk führten.
Seine Gedanken fingen wieder an abzuschweifen, füllten sich diesmal
jedoch mit bunten Frühlingsbildern. Und wieder holten ihn die
Schritte in die Wirklichkeit zurück, denn sie kamen die Treppe zu dem
Stockwerk hoch, in dem er alleine sein Zimmer hatte. Ein seltsames
Gefühl beschlich den Mann, jenes Gefühl, das immer dann auftaucht,
wenn man meint, eine Situation schon einmal erlebt zu haben. Das
Gesicht der Tür zugewandt mit eben aus diesem Gefühl heraus
erweiterten Pupillen, wartete er auf die stetig näherkommenden
Schritte. Wieder zählte er die dumpfen Laute mit. Jetzt müsste er bei
der Tür sein, und tatsächlich, wie auf ein Kommando hin, blieben
weitere Geräusche aus. Dann setzte ein neues Geräusch ein, rascheln
wie von trockenem Laub an einem sonnigen Herbstmorgen erklang,
füllte die ansonsten absolute Stille aus, dass es einem fast schmerzhaft
in den Ohren klang.

 
Der Mann fühlte mit jeder Faser seines Körpers, wie sich eine Hand
zum Türgriff bewegte, diese mit unglaublicher Langsamkeit
niederdrückte, als sei die Handlung in Zeitlupe vollführt worden, und
dann die Tür aufstieß. In seinen Gedanken trug diese Hand weiße
Handschuhe, doch waren es keine Handschuhe, wie man sie zum
Beispiel zu einem Frack oder bei einem Diener erwarten würde,
sondern schienen sie ihm zu einem Kostüm zu gehören.
Als wäre sie nie an ihren Türangeln befestigt gewesen, löste sich die
Tür aus dem Rahmen, fiel mit einem Zeitlupentempo in das Zimmer,
um sanft wie eine Feder auf dem Boden ohne jedes Geräusch
aufzutreffen. Licht von der Helligkeit einer Sonne schoss durch den
Türrahmen herein, hinterließ lange Schatten auf dem Boden, wenn
etwas im Strahlengang lag. Es füllte den Raum bis in die letzten
kleinen Ecken, als wäre es kein Problem um genau diese
herumzustreichen.
Mit starren Augen, nicht fähig seinen Blick wieder von dieser
Helligkeit abzuwenden, sah der Mann einen Schatten in das Licht
treten. Jede Unebenheit dieser Gestalt brannte sich regelrecht in die
Netzhaut des Mannes ein, und seine Angst, vorher nur durch ein
undeutliches Gefühl begründet, wurde gleich einer Brandungswelle,
die auf seine Sinne einen Sturmlauf unternahm.
Die im Licht nur als Umriss sichtbare Gestalt schien ein Kostüm zu
tragen, Handschuhe, Stulpenstiefel und ein lustig wippender Hut mit
Schellen besetzt, rundeten die Aufmachung, zu der auch ein
enganliegender Anzug gehörte, ab: ein Harlekin !

 
Ein Strahlenkranz ging von dieser Gestalt aus, sie schien von sich
heraus aus zu strahlen. Eine Hand hob sich, zeigte mit ausgestrecktem
Zeigefinger auf den Mann, während dieser inzwischen, unter seiner
Angst zusammengesunken, auf dem Boden vor dem Stuhl hockte.
„Wieso versuchst Du es ?“, donnerte die Stimme. Leicht verdutzt hob
der Mann sein, reumütig dem Staub des Boden zugewandtes, Gesicht
und sah zu dem Harlekin empor.
„Steige in Deine eigenen geistigen Sphären hinab und versuche Dich
nicht in etwas, zu dem Du aufgrund Deiner menschlichen
Beschränktheit nicht fähig bist und es auch nie sein wirst.“
Der Harlekin trat mit einer fließend wirkenden Bewegung aus dem
Türrahmen in das Rauminnere. Mit einem erstickten Aufschrei kroch
der Mann, als Auto gedemütigt und am Boden zerschmettert von den
Worten, dicht über den Boden gebeugt, auf die Tür zu. Dabei achtete
er immer darauf, möglichst großen Abstand zu der drohend
aufragenden Gestalt zu halten.
Seine vor Schrecken weit geöffneten Augen waren noch immer auf
das Antlitz gerichtet. So kroch er nun, von der trügerischen Hoffnung
getragen, jenem zu entkommen, schneller auf die Türöffnung zu. Kurz
vorher stoppte er, drehte sich um, um dann, etwas mutiger geworden,
sich langsam am Rahmen hochzuziehen. Sogar ein kurzer Anflug von
Stolz schlich sich wieder in seine Haltung, um dann allerdings unter
seinen Blicken vollends zusammenzubrechen.
Gebannt von diesen hypnotischen Blicken, die denen einer Schlange
ähnelten, wenn diese ihr Opfer stellt, versuchte er rückwärts mit
einem Fuß die oberste Treppenstufe zu ertasten. Doch es war nichts
dort, das er hätte ertasten können, die Treppe, und damit seine
Rettung, war zu einer Illusion geworden.
Der Mann verlor sein Gleichgewicht und fiel mit einem
Gesichtsausdruck, in dem gleichermaßen Angst und Unglauben
vermischt waren, vom Absatz. Die dunkle Nacht, die sich hinter dem
Rahmen verbarg und nur von einer Batterie großdimensionaler
Scheinwerfer erhellt wurde, sah tief und besitzergreifend aus.
Sein Körper rotierte langsam um die eigene Achse während er fiel,
und so konnte er, nach einer halben Ewigkeit, eine zeitlang den
Harlekin in die Türöffnung treten, und wie zum Gruße, die Hand
heben sehen. Dann verschwand sein Körper in der Dunkelheit, dessen
Schwarz alle Farben aufsaugte.

 
Der Harlekin sah ihm nach, auch lange nachdem der Körper
verschwunden war, blieb er stehen; dann bewegte sich seine Hand
zum Lichtschalter, schaltete das Licht aus. Mit einem Zischen
verblassten die großen Scheinwerfer, und noch bevor ihr letztes
Glühen erlosch, drehte sich der kostümierte Körper um, schloss die
Tür hinter sich, um die Dunkelheit sich selber zu überlassen.
Mit langsamen, scheinbar schleichenden, da sich die Füße kaum vom
Boden hoben, Schritten, trat der Harlekin zum Schreibtisch,
betrachtete kopfschüttelnd die Billigkeit der Ausstattung.
Versuchsweise schlug er einige der Schreibmaschinentasten an und
schon der dritte Buchstabe verhakte sich, nur mit Gewalt hätte man
ihn wieder lösen können. Das Efeu, das direkt am Rande des Tisches
in der Sonne stand, setzte sich mit seinen Ranken in Bewegung,
klammerte sich mit seinen hölzernen Fingern an das Höhenverstellrad
des Stuhles und fing an zu drehen. Sobald sich dieser in einer für den
Harlekin angenehmen Höhe befand, welches dieser durch mehrfaches
Probesitzen bestimmte, dankte er dem Efeu mit etwas Wasser für die
durch die Hitze stark strapazierten Wurzeln.
Gemütlich nahm er Platz, öffnete vorne kurz sein Kostüm, um mit
seiner Hand in eine der vielen Innentaschen zu greifen, und dann, als
seine Finger etwas ertastet hatten, schloss sich seine Hand zur Faust
und zog dieses aus der Tasche. Den so erhaltenen Gegenstand legte er
auf die Tischfläche, um sein Kostüm wieder zu schließen. Dort im
Sonnenlicht blitzte nun ein Skalpell, welches durch die Reflexe nur
noch um so gefährlicher aussah. Der Harlekin nahm die Klinge in die
Hand, hielt sie kurz vor die Augen, wie um zu prüfen, ob diese auch
sauber sei, und bewunderte die Ebenmäßigkeit der Klinge, die doch
erst so ihre volle Eleganz zeigte.

 
Weißes Papier, als letztes Überbleibsel gescheiteter Versuche, lag vor
dem Harlekin auf dem Tisch und schien auf etwas zu warten. Nicht
willig es noch länger warten zu lassen, spitzte er seinen Zeigefinger
an, wobei er erst vorsichtig die Stoffhülle entfernte, um dann eine
haarfein geschnittene Spitze zustande zu bringen. Zuerst noch mit
blassroter Schrift, dann jedoch, nachdem er ein paar Kringel auf dem
Papier gezogen hatte, mit kräftiger werdender Farbe, fing er an zu
schreiben. Seite auf Seite füllte er mit einer kleinen, aber doch gut
lesbaren Schrift, es schien als wollte er nicht enden. Man konnte die
Zahl der Sonnenauf- und Sonnenuntergänge schon nicht mehr zählen,
als die Farbe blasser wurde. Immer war das Wetter sonnig gewesen,
doch nun, wie auf ein Zeichen hin, zogen Wolken am Himmel auf,
trübten den blauen Anblick durch zartweiße Schleier.
Schon während des ganzen Schreibens war der Harlekin immer
blasser geworden, und nun, als der letzte Tropfen Blut verbraucht war,
fiel von einer Sekunde zur anderen das Kostüm, kurz nachdem er den
Schlusspunkt gesetzt hatte, mit einem leichten Säuseln gleich einer
leeren Hülle zusammen.
Wie eine Feder die zu Boden schwebt, schaukelte es leicht in einer
kaum wahrzunehmenden Brise, und die Stille, die so lange durch das
Kratzen einer Feder aus diesem Zimmer ausgesperrt worden war,
nahm wieder ihren rechtlichen Platz ein.
Eine Ranke des Efeus regte sich, zuerst indem nur die Blätterspitzen
zitterten, dann, als wenn es einen inneren Widerstand überwunden
hätte, setzte sich die Ranke ganz in Bewegung und kroch über den
Tisch auf den Boden. Am Kostüm angekommen, wickelte sie sich um
es und fing an, es zu einer kleinen Kugel zu formen. Erstaunlich klein
war diese Kugel, doch der Stoff war auch sehr dünn und leicht. Nun
zog sich die Ranke mit der Kugel zurück, um, auf dem Tisch
angekommen, sich kurz anzuspannen, und dann die Kugel mit einem
Ruck durch das nur schmal geöffnete Fenster zu schleudern. Ein
letztes Zittern durchlief die fleißige aber sehr ausgedörrte Pflanze, und
auch sie sank zusammen. Die Stille war vollkommen.
Sie nistete sich ein, füllte die letzten Winkel des Raumes mit ihrem
akustischen Nichts, war allumfassend.
Die Wolken verzogen sich wieder, das Zimmer lag schonungslos in
der Hitze da, die aufsteigende Wärme ließ die Luft flimmern, bis
plötzlich ein Windstoß durch das geöffnete Fenster fuhr, dieses weit
aufriss, und mit seiner Gewalt in den Stapel beschriebener Seiten
drang, diesen durcheinanderwirbelte, so dass eine Seite offen auf dem
Schreibtisch liegen blieb.
Buchstaben formierten sich, Farben bildeten sich, in chaotischen
Bewegungen durcheinanderfahrend, ein erstes Bild erschien, zuerst
noch verzerrt und undeutlich, doch dann…

 
1987, (c) Dirk Bätjer

Philosophien, Blödsinn und was das Leben so bringt